»Scarlet night. For whatever reason, I’m on the run.«
Überrascht sah Mark von seinem Bier auf und wandte den Kopf, als jemand einen halbleeren Bloody Mary neben ihn auf den Tresen des Pubs stellte. Der Drink gehörte einer Frau. Sie war Mitte zwanzig. Das Haar rotbraun und kurz. Zierliche Gestalt. Schulterfreies Kleid. Schwarz.
»Don’t waste your time, it’s the only thing you have«, ergänzte er die letzte Zeile des Refrains.
Sie nickte anerkennend. »Scarlet. Toller Song.« Ihre Stimme klang leicht heiser. Unaufgeregt. Damit ging das Kompliment runter wie Öl.
»Danke.«
Sie machte mit dem Kopf eine Bewegung zum Barstuhl neben ihm und fragte: »Darf ich?«
»Klar.«
Sie setzte sich und streckte ihm die Hand hin. »Ich bin Julia.« Rotlackierte Fingernägel.
Feingliedrige Hände. Zarte Haut. Angenehmer Druck.
»Freut mich. Ich bin Mark.«
Julia grinste breit.
Natürlich. Sie wusste, wie er hiess. Sein Name stand schliesslich auf dem Flyer. Wo er mit seiner Gitarre abgebildet und als Singer-Songwriter für den heutigen Abend angekündigt worden war.
Er musterte sie. Der eine Schneidezahn war ein wenig schräg. Ein Grübchen auf der linken Wange. Lebhafte Augen. Wahrscheinlich Grün. Die eine Braue ein wenig hochgezogen. Ein Hauch von Sommersprossen. Soweit er das im schummrigen Licht der Bar erkennen konnte.
»Wie kamst du zur Musik?« Das Kinn in die eine Hand gestützt, drehte sie langsam das Glas zwischen den Fingern der anderen. Ganz automatisch. Er hatte ihre volle Aufmerksamkeit. Mit wachsamem Blick verfolgte sie seine Bewegungen. Er fühlte sich geschmeichelt.
»Naja. Ich habe einfach schon immer Gitarre gespielt«, antwortete er und zuckte mit den Schultern. Beinahe verlegen lächelte er.
Ihre Augen funkelten amüsiert. »Was, so unspektakulär?«
Mark musste lachen. »Nun ja … erst steckten mich meine Eltern in den Klavierunterricht. Irgendwer musste schliesslich an Weihnachten die musikalische Begleitung machen. Aber Gitarre lag mir irgendwie mehr.« Er zwinkerte ihr zu. »Die ist einfach praktischer, um in den Ferien am Strand Frauen aufzureissen.«
Sie kicherte leise und nahm einen Schluck von ihrem Drink. »Und, hattest du Erfolg?«
Mark zögerte. Das hatte er. Sein Erfolg hiess Stefanie. Sie packte aber wahrscheinlich gerade wieder ihre Sachen, um bei Kathrin oder sonst einer Freundin zu übernachten. So, wie sie es in letzter Zeit immer tat. Pause nannte sie es.
Mark leerte sein Glas in einem Zug und winkte dem Barkeeper. Dann wandte er sich an Julia: »Magst du auch noch was?«
Sie musterte den Inhalt ihres Glases. Überlegte. Dann nickte sie. »Gerne. Ein Bier. Dasselbe wie du.« Mit einem grossen Schluck leerte sie den Bloody Mary. Mark gab dem Barkeeper seine Bestellung auf.
»Und?«, nahm sie das Gespräch wieder auf und blickte Mark an. »Hattest du?«
Bevor er etwas erwidern konnte, vibrierte sein Handy auf dem Tresen. Stefanie. Einen Moment liess er die Hand über dem »Annehmen«-Button schweben. Dann drückte er den Anruf weg.
Julia deutete auf das Gerät. »Warum gehst du nicht ran?«
Das Telefon klingelte erneut. Diesmal drückte er gleich weg, steckte das Handy in seine Jackentasche und stützte sich wieder auf den Tresen. »Weil ich nachher noch genug Zeit habe, mich mit meiner Freundin zu unterhalten.«
Julia zögerte einen Augenblick, dann räusperte sie sich. »Lass dich von mir nicht aufhalten.« Ein leichtes Lächeln. Es erreichte ihre Augen nicht. War sie enttäuscht?
Der Barkeeper brachte die Getränke. Mark nickte ihm zu und schob ein Glas zu Julia. Seine Hand streifte ihren Arm. Er fühlte ein leichtes Kribbeln.
»Du hältst mich nicht auf.« Er zwinkerte ihr zu und nahm einen grossen Schluck. Julia nickte, rührte aber ihr Bier nicht an. Stattdessen legte sie beide Hände darum, als müsse sie sich daran festhalten. Ihr war anzusehen, dass sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte, und dass sie sich diesen Abend anders ausgemalt hatte.
»Machst du Musik?«, fragte Mark schliesslich.
Ein Räuspern. Sie schüttelte leicht den Kopf. »Nein. Musik liegt mir nicht.«
»Ach komm. Auch nicht Klavier?« Er stupste sie an und grinste. »Oder Gitarre, für den Strand?«
»Nichts. Gar nichts.«
Mark sah Julia einige Augenblicke lang unschlüssig an. Gerne hätte er den Abend in ihrer Gesellschaft verbracht. Doch er spürte, dass Stefanie zwischen ihnen stand. Vielleicht war das auch gut so.
Er gab sich einen Ruck, leerte das Glas auf ex und stand auf. Überrascht sah Julia ihn an, als er einen Zwanziger auf den Tresen legte und dem Barkeeper zunickte.
»Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe«, sagte er an sie gewandt und reichte ihr die Hand. »Hat mich gefreut.«
»Ja … mich auch.«
»Auf ein andermal.« Er nahm den roten Gitarrenkoffer, der neben ihm am Tresen stand, nickte ihr zu und verliess mit leichtem Bedauern das Lokal.
Draussen schlugen ihm Wind und leichter Nieselregen entgegen. Er ging ein paar Schritte die Strasse hinab und nestelte nach seinem Handy. Stefanie hatte ihn noch ein weiteres Mal angerufen und schliesslich drei Nachrichten hinterlassen. Er blieb stehen.
23:45 Geh ran. Wir müssen reden.
01:37 Ich bin weg. Hab meine Sachen mitgenommen.
01:38 Bin bei Lukas. Ruf nicht an!
Wie gebannt starrte Mark auf das Display und fühlte plötzlich einen Kloss im Hals. Er blinzelte und las die Nachrichten ein zweites Mal. Dann wählte er die Nummer von Stefanie, doch es kam nur die Sprachbox. Unschlüssig wiegte er das Gerät in der Hand. Dann entschied er sich dagegen, ihr zu schreiben. Es hatte wohl keinen Sinn.
Mit einem Ruck drehte er sich um und ging zurück in die Bar. Sein Herz machte einen kleinen Sprung, als er Julias Glas noch auf dem Tresen fand. Doch von ihr war nichts mehr zu sehen.
Er winkte den Barkeeper heran.
»Julia … ist sie gegangen?«
»Gerade vorhin. Du müsstest ihr noch begegnet sein.«
»Nein, das bin ich nicht …«
Der Barkeeper reichte ihm eine Serviette. »Sie hat mich gebeten, dir das hier zu geben, falls du zurückkommst.«
Mark runzelte die Stirn. Mehr schlecht als recht konnte er die zierliche Handschrift im Dämmerlicht entziffern:
Scarlet night. For whatever reason, you’re on the run
Don’t waste your time, it’s the only thing you have
Maybe one day you’ll get there
Photo by Lacey Williams on Unsplash
Oh, wie bitter. 😀 😀 Armer Mark, hoffentlich findet er seine Julia noch. Wobei er wahrscheinlich selbst Schuld ist, dass Stefanie jetzt bei Lukas wohnt…
Schön geschrieben. Ich mag das Ende sehr gerne und die ganzen Anspielungen auf „Rot“. 🙂
Alles Liebe
Kim
Danke dir für den lieben Kommentar – sowas von dir zu hören macht grosse Freude! 😉
Ja, gerne hätte ich mich noch ein bisschen mehr ausgetobt und ihn ein bisschen mehr leiden lassen. Aber die 1000 Wörter sind immer so schnell aufgebraucht 😀
Eine völlig andere Stimmung, als in deiner letzten Flash Fiction! 😉
Ich mag es, wie dein Schreibstil perfekt Marks Erzählstimme und Gefühlslage einfängt. Das Ende war wohl absehbar, aber dennoch traurig. Ob die beiden sich wieder treffen? Ich würde es mir auf jeden Fall wünschen. (Vielleicht in einer weiteren Flash Fiction?) 🙂
Danke dir vielmals für den Kommentar!
Ich habs bei dieser Geschichte mit einem etwas anderen Schreibstil versucht. Aber es war schon ein bisschen ein Krampf, eine Geschichte ohne Mord und Totschlag zu schreiben. Naja, so ganz rund ist der Schreibstil nicht, aber es freut mich, dass die Erzählstimme doch irgendwie passt 🙂
Ja, hätte schon noch Lust auf die beiden. Mal schauen, vielleicht halten sie ihre Köpfe noch beim nächsten Monatsthema hin. Da würde Speed Dating ja irgendwie passen. 😉
Ich schliesse mich Kim an, die Anspielungen auf alles Rote sind toll gelungen 🙂
Ich mag die Nicht-mordende-Schreib-Yvonne auch sehr. Deine Muse soll mal nicht so sein und sich damit abfinden, dass es ab und zu auch mal ohne Mord und Totschlag gibt 😉
Hey, danke dir!
Ja, am Ende hat es schon Spass gemacht, auch mal etwas „Nettes“ zu schreiben. Gerne hätte ich das „Rot“ noch etwas mehr verwoben, vor allem subtiler. Aber dazu fehlten mir dann die Zeit, Wörter und Nerven … 🙂
Danke dir für deinen Kommentar! 🙂
[…] Yvonne: Scarlet […]
Kein Mord und Totschlag (hab das dieses Mal für dich übernommen), aber dennoch kein wirkliches Happy End. Mit gefällts. 😉